Ausstellung vom 17.10. bis 2.11.08

Schnurlinien, Faden auf Papier, 50 x 60 cm
In Carlos Matters künstlerischem Schaffen sind zwei Konstanten auszumachen: Zum einen dient ihm Holz als Grundmaterial für die meisten seiner Werke, zum anderen steht die Linie im Zentrum seiner Formfindung. Der Künstler bearbeitet Holzplatten verschiedener Grössen mit einer Oberfräse, zeichnet damit Liniengebilde. Die Härte des Holzes bestimmt den Widerstand beim Fräsen und folglich die Beschaffenheit der Linie. Je weicher das Holz ist, desto geschmeidiger ist die Linienführung. Ebenso bestimmend sind die Energie und Kraft des Künstlers im Moment des Fräsens. Der Charakter der Zeichnung hängt also stark vom Arbeitsprozess ab. Nach der Fräsung wird die Holzplatte überarbeitet. Der Künstler übermalt das Holz mit Farbe. Die gefräste Zeichnung lässt er dabei selten aus. Er behandelt die Oberfläche beispielsweise mit Graphit, so dass das Material auf den ersten Blick nicht als Holz erkennbar ist. In anderen Werken überarbeitet er die gefräste Platte, indem er frühere Arbeiten auf die Holzplatte projiziert und Fragmente daraus auswählt. Diese Liniengebilde malt er über die gefräste Zeichnung. Es entstehen Überlagerungen, wobei Matter die obere und untere Schicht geschickt miteinander zu verweben weiss. Der Schaffensprozess ist in den vollendeten Werken zwar spürbar, aber auf den ersten Blick nicht eindeutig erkennbar.
In seiner neuesten Werkgruppe geht Matter einen Schritt weiter. Die gefrästen Holzplatten dienen ihm dabei als Grundlage für Frottagen. Er legt ein dünnes Blatt Papier auf eine Stelle der grossformatigen Fräszeichnung und fährt mit dem Bleistift darüber, so dass auf dem Blatt ein Abdruck der Zeichnung zum Vorschein kommt. Der Künstler kann das Resultat während dem Arbeitsprozess nur schwer steuern, da er den gefrästen Linien nur durch
Fühlen nachspürt.
Die Übertragung von Fragmenten bestehender Arbeiten in ein anderes Medium ist ein wiederkehrendes Vorgehen in Matters Schaffen. Die wieder verwendeten Formen oder Liniengebilde bleiben durch den Wechsel in ein anderes Medium keineswegs gleich. Die Form einer gefrästen Linie, welche vom Widerstand des Holzes geprägt ist, unterscheidet sich beispielsweise stark von deren mit Pinsel gemalter „Kopie“. Auf der Suche nach interessanten Liniengebilden verwendet der Künstler manchmal eine Schnur, die er auf ein Blatt Papier fallen lässt. Die durch Zufall gewonnene Zeichnung dient dem Künstler als Ausgangspunkt bei der Formsuche. Durch sorgfältige Manipulation der Schnur gelangt Matter schliesslich zu einer optimalen Form, die er wiederum in ein anderes Medium, beispielsweise in Holz oder in einen Lichtschlauch, übertraÅNgt. Die Form und die Grösse der hölzernen Linie beziehen sich auf die vorliegende Raumsituation. Damit gelingt es dem Künstler, die Linien räumlich erfahrbar zu machen. Seine Formen sind von der Wahl des Mediums und des Arbeitsprozesses geprägt. Matter arbeitet an einer Zeichnung so lange, bis sie eine optimale Spannung aufzeigt. Die Linien entwickeln sich manchmal zu Beginn ruhig und lässig, um dann Energie geladen in einem explosiven Gewirr zu enden.
Carlos Matter fördert eine Vielfalt von zeichnerischen Erscheinungsformen zu Tage. Er hält im Alltag vorgefunden Zeichnungen mit der Kamera fest, entwickelt eigene Formen mit einer Schnur, fräst Linien in Holz, folgt den gefrästen Spuren mit Bleistift oder zeichnet in ein Skizzenbuch. Er beweist mit seinen Arbeiten einen subtilen Umgang mit der Linie sowie eine hervorragenden Kenntnis der Dramaturgie der Linie.