Ausstellung vom 15.3.08 bis 30.3.08

DIESES & JENES, 1970, gravierte Holzplatte für Frottagen
Die zweite Ausstellung der Reihe „Formsachen“ ist dem Künstler Markus Raetz gewidmet. Es werden sowohl druckgraphische Blätter und Zeichnungen aus der Sammlung Oberholzer wie auch eine Arbeit aus der Sammlung des Künstlers zu sehen sein.
Markus Raetz entwickelt als Druckgraphiker eine Werkmethode, die ihm unversehens ein weites Versuchsfeld eröffnet; ständig erprobt er technische Möglichkeiten mit oft unkonventionellen Materialien wie Gummi, Zelluloid, Sagex und Pavatex, oder er versucht den Schnurdruck. Zwar übernimmt er bestimmte Themen in die Ausdrucksmittel Zeichnung, Malerei, Plastik, doch bleibt die Druckgraphik das eigentliche Gebiet all seines Suchens, denn hier folgt der Schaffensprozess oft der praktischen Machart. Die Formen sind stark vom Prozess geprägt. Es ist, als werde künstlerisches Wollen vom Geschehen auf der Platte geleitet, zumal der Faktor Unbekannte immer wieder Momententscheidungen erfordert.
Stets sehr sorgfältig, geduldig sicher, ist sich der Künstler bewusst, dass das Unvorhergesehene während des Arbeitens, dass Unerwartetes bei Material und Farbe das Bild bereichern, sofern man bereit ist, im richtigen Augenblick nachzugeben, sei es, um später die Initiative wieder zu übernehmen.
Markus Raetz geht in seinem druckgraphischen Werk selten von einem erzählerischen Element aus. Vielmehr ergibt sich aus der jeweiligen Technik das Sujet. Diese und jenes weckt das Interesse des Künstlers. Er fokussiert sein Interesse auf die Wahrnehmung von diesem und jenem. Was sehen wir und wie unterschiedlich sehen wir das eine und dasselbe? DIESES & JENES heisst auch eine Serie von Farbstiftfrottagen von einer Holzplatte, die 1970 entstanden ist.
In der Serie NOWHERE, bestehend aus sieben Aquatinta-Blättern, entstehen aufgrund der Pinselätzungen Landschaften, die in einem zauberhaft unwirklichen Licht der nordischen Mitternachtssonne zu baden scheinen. NOWHERE – nirgends oder now here? Welches Kunstwollen auch hinter den Landschaften von NOWHERE stehen mag, welche Reiseerinnerungen und kunsthistorischer Hintergrund sie verarbeiten mögen, es sind Raumgebilden, die sozusagen am Rande des Träumerischen, aber ebenso mit Scharfblick für die Möglichkeiten des Handwerks, eingefangen wurden.
Ebenso geheimnisvoll wie die Landschaften in NOWHERE sind die zehn Gesichter der Personen in der Serie Säureanschlag aus dem Jahr 1985. In der Abfolge der Zustandsdrucke gewinnen die einzelnen Personen an Plastizität, verlieren jedoch auch das fliessend Weiche der ersten Blätter. Raetz lotet in dieser Serie die künstlerischen Möglichkeiten des Zustandsdrucks systematisch aus. Wie selten erweist sich bei dieser aus 23 Blättern bestehende Folge der Zustandsdruck als Bestandteil einer künstlerischen Konzeption. Die gesamte Werkgruppe widerspiegelt einen komplexen Prozess künstlerischer Arbeit und künstlerischen Denkens.
Die Sequenz Säureanschlag vermittelt dem Betrachter den Eindruck eines permanent im Entstehen begriffenen visuellen Diskurses. Die Blätter appellieren nicht an etwas bereits Gewusstes, sondern an ein unvermitteltes Sehen. Die Variation, das repetitive, das lineare Fortschreiten des Sehens, das die Blätter in der Abfolge veranschaulichen, wird in seltsamer Weise verdoppelt durch das Dargestellte selbst, das sehende Gesicht.